Die Grube Spidell
Heute ist es ein stiller Ort. Wald, ein Hang und die Wurm. Kaum etwas erinnert daran, dass hier einst Menschen tief unter der Erde arbeiteten. Auf dem westlichen Hang des Wurmtales, gegenüber der Pumper Mühle, lag die Grube Spidell.
Der auf einer historischen Darstellung bei Josef Aretz wiedergegebene Lageplan zeigt eindrucksvoll, wie weit sich das Grubenfeld erstreckte. Eingezeichnet sind die Konzessionsgrenze, zahlreiche bergbauliche Betriebseinrichtungen und ein Stollenmundloch. Die Anlagen lagen zwischen der damaligen Bebauung, der Rolandstraße und der Wurm.
Ein Bergwerk mit langer Geschichte
Spidell gehört zu den alten Gruben des Wurmreviers. 1729 wird die Grube erstmals ausdrücklich genannt. Der Betrieb verlief allerdings keineswegs geradlinig. Erst 1774 kam es durch eine neue Gesellschaft wieder zu einer nennenswerten Förderung. Ende der 1770er Jahre wurde es erneut still um Spidell, bevor 1791 wieder Kohle gewonnen werden konnte.
Hinter diesen Jahreszahlen standen Menschen, für die die Grube Arbeitsplatz und Lebensgrundlage war. Die Arbeit unter Tage war körperlich schwer und gefährlich. Mit zunehmender Tiefe wurde vor allem das Grubenwasser zu einem Problem.
Wasser – eine ständige Gefahr
Der Lageplan von Aretz erinnert an diese Seite des Bergbaus besonders deutlich. Das eingezeichnete Stollenmundloch weist auf einen Stollen hin, über den Wasser aus dem Grubengebiet zur Wurm abgeführt werden konnte.
Ein solcher Wasserlösungsstollen war für den frühen Bergbau von großer Bedeutung. Er ersparte – solange die natürlichen Höhenverhältnisse dies zuließen – das aufwendige Heben des Wassers aus größeren Tiefen.
Auch spätere Überlieferungen verweisen auf einen Wasserlösungsstollen der Grube Spidell, dessen Auslauf im Gelände noch heute erkennbar sein soll.
1831 erhielt Spidell das Recht, einen neuen Förderschacht und einen neuen Kunstschacht abzuteufen. Der Kunstschacht diente der Bewältigung des Grubenwassers.
Doch die Zeit der selbstständigen Grube ging zu Ende. 1838 wurde Spidell an die Vereinigungsgesellschaft verkauft. Ab 1841 wurde das Feld von Kämpchen aus abgebaut.
Damit verschwand Spidell nicht aus der Bergbaugeschichte. Die alten Anlagen wurden vielmehr Teil eines größeren technischen Verbundes. Nach 1851 diente Spidell als Reservewasserhaltungskraft für Kämpchen und Hankepank. 1886 wird außerdem ein Wetterofen genannt, der die Bewetterung von Kämpchen unterstützte.
Ein Ort – zwei Geschichten
Die Vorstellung, dass hier einst Schächte bis in etwa 184 Meter Tiefe führten, macht die Dimension des alten Bergbaus deutlich.
Doch der Untergrund von Spidell bekam später noch einmal eine ganz andere Bedeutung.
Im Zweiten Weltkrieg wurde auf Spidell ein Luftschutzstollen in den Berg getrieben. Er diente den Menschen aus dem Bereich Roland als Schutz vor Fliegerangriffen. Diese Nutzung ist auch in einer regionalen Beschreibung des ehemaligen Grubengeländes überliefert.
So begegnen sich an diesem Ort zwei völlig unterschiedliche Geschichten: Einst gingen Bergleute hier hinunter, um Kohle zu gewinnen und ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Jahrzehnte später suchten Menschen dort Schutz vor dem Krieg.
Heute hat sich die Natur den Hang weitgehend zurückgeholt. Die Schächte und Betriebsanlagen sind verschwunden oder nur noch als Spuren im Gelände erkennbar.
Der Name Spidell aber ist geblieben.
Wer heute am Wurmtal unterwegs ist, sieht vielleicht nur einen bewaldeten Hang. Wer genauer hinschaut, kann jedoch noch Spuren einer Geschichte entdecken, die tief unter der Erde begann – und im Zweiten Weltkrieg noch einmal eine ganz andere Bedeutung bekam.