1. Kohlscheid und seine Gässchen
Eine Spurensuche nach kleinen Wegen und ihrer Geschichte. Bericht von Winfried Simons
Wer aufmerksam durch Kohlscheid geht, entdeckt Wege, Durchgänge und kleine Gassen, die im heutigen Ortsbild leicht übersehen werden. Manche sind noch vorhanden, andere wurden überbaut oder durch neue Straßen ersetzt. Wieder andere leben nur noch in der Erinnerung älterer Kohlscheider weiter. Doch gerade diese unscheinbaren Wege erzählen viel über die Entwicklung des Ortes. Sie führten zu Geschäften und Bäckereien, verbanden Wohnstraßen miteinander, ermöglichten Abkürzungen zum Bahnhof oder zur Straßenbahn und begleiteten die industrielle Entwicklung Kohlscheids. Ausgangspunkt dieser Untersuchung ist der Bericht von Winfried Simons „Kohlscheid und seine Gässchen“. Die überlieferten Angaben werden durch die drei vorliegenden Kartenausschnitte B, C und D aus dem Kohlscheider Straßenspiegel räumlich eingeordnet. Dabei wird bewusst zwischen kartografisch nachvollziehbaren Angaben, schriftlicher Überlieferung und mündlicher Erinnerung unterschieden.
1. Bischof-Gässchen
Das Bischof-Gässchen verlief unmittelbar neben der Bahnlinie. Es lag zwischen den Häusern Bischof und Meyer und führte von der Raiffeisenstraße in Richtung des Bereichs an der Bahn.
Der Name erinnert an das Haus beziehungsweise Geschäft Bischof. Auf dem Weg kam man an der ehemaligen Firma Pettep, einem Betrieb für Bergbauausrüstung, vorbei.
Besonders interessant ist die Lage des Gässchens: Es verlief parallel zur Eisenbahnstrecke Kohlscheid–Würselen/Stolberg. Damit gehörte es zu jenen kleinen Wegen, die unmittelbar mit der industriellen Infrastruktur Kohlscheids verbunden waren.
Nach der überlieferten Beschreibung lag auf der anderen Seite der Bahn das Brauns-Gässchen. Beide Wege konnten über die Bahnlinie miteinander in Verbindung gebracht werden.
Im heutigen Ortsbild ist dieser historische Wegeverlauf nicht mehr ohne Weiteres erkennbar. Der Bereich lässt sich anhand der Kartengruppe räumlich nachvollziehen.
2. Badensgasse
Die Badensgasse stellte früher eine Verbindung zwischen der Josef-Lambertz-Straße und der Südstraße her.
Ihren Namen erhielt sie nach der Familie Baden, deren Eckhaus an der Südstraße lag. Ein markanter Einschnitt erfolgte 1965: An dieser Stelle wurde die Herderstraße angelegt. Damit wurde die alte Wegesituation grundlegend verändert.
Auch die angrenzende Bebauung erinnert an die Geschäftswelt des alten Kohlscheid: genannt werden das frühere Modehaus Kerkloh und die Kartoffelhandlung Winter.
3. Brauns-Gässchen
Das Brauns-Gässchen führte von der Weststraße bis zum ehemaligen Schrottlager und stieß dort auf das Pütz-Gässchen.
Seinen Namen verdankte es der ehemaligen Gärtnerei Braun an der heutigen Ecke Bahnstraße/Weststraße. Auch dieses Gässchen war eng mit der Eisenbahn verbunden und verlief unmittelbar neben der Bahnlinie Kohlscheid–Würselen/Stolberg.
Ein Teil des ursprünglichen Weges verschwand, als die Straße „Alte Bahn“ angelegt wurde. Die Beziehung zum Bischof-Gässchen zeigt, dass die kleinen Wege Kohlscheids als Netz von Fußverbindungen verstanden werden können.
4. Crumbach-Gässchen
Das Crumbach-Gässchen verband die Nordstraße mit der Mühlenstraße.
Seinen Namen erhielt es von der ehemaligen Bäckerei Crumbach an der Nordstraße, die später von der Bäckerei Middeler übernommen wurde.
Heute ist das Crumbach-Gässchen nicht mehr als eigenständiger Durchgang erhalten. Teile des früheren Bereichs sind bebaut beziehungsweise verändert. Die Erinnerung an den Weg wird dadurch zu einem wichtigen Bestandteil der Rekonstruktion.
5. „Entlang der Bretter“ – der Schwarze Weg?
Eine besonders interessante Überlieferung betrifft einen Weg entlang des Geländes der Grube Laurweg.
Überliefert ist vor allem die Bezeichnung „Entlang der Bretter“. Sie soll darauf zurückgehen, dass das Grubengelände durch einen Bretterzaun eingefasst war.
Der Weg führte vom EBV-Gebäude, das zeitweise als Unterkunft für Anlernlinge diente, in Richtung Kaiserstraße. Er lag zwischen dem EBV-Grundstück und der Gießerei. Auf dem abgeschirmten Grubengelände befand sich außerdem ein Fußballplatz, der von den Anlernlehrlingen genutzt wurde.
Für Fußgänger war der Weg eine Abkürzung zur Straßenbahn. Hinzu kommt die Erinnerung an die Kühltürme der Grube Laurweg beziehungsweise des Elektrizitätswerks.
Die Bezeichnung „Schwarzer Weg“ sollte dagegen mit Fragezeichen behandelt werden, da sie in der Überlieferung nicht so eindeutig abgesichert ist wie „Entlang der Bretter“.
6. Kramergasse
Die heutige Mörickestraße wurde im Volksmund als Kramer-Gasse bezeichnet.
Der Name soll auf den Lehrer Kramer zurückgehen, der im Bereich der ehemaligen Drogerie Hark an der damaligen Südstraße 50 wohnte. Die Bezeichnung „Gasse“ erklärt sich nach der überlieferten Ortsgeschichte daraus, dass die Mörickestraße früher keine direkte Durchfahrt zur Südstraße besaß.
Daneben war auch die Bezeichnung „Hark'sche Gässchen“ im Volksmund gebräuchlich.
7. Paulsgasse
Als Paulsgasse wurde der Abschnitt der Paulusstraße zwischen Einsteinstraße – früher Goethestraße – und Südstraße bezeichnet.
Auch hier liegt die Erklärung für das Wort „Gasse“ in der früheren fehlenden Durchfahrt zur Südstraße. Das Beispiel zeigt, dass im historischen Sprachgebrauch nicht jede „Gasse“ eine eigenständige, amtlich benannte Straße sein musste.
8. Postwegelchen
Das Postwegelchen führte von der Weststraße hinter den Direktorenvillen des EBV zum damaligen Postgebäude. Von dort setzte sich der Weg bis zur Roermonder Straße gegenüber der Bahnstraße fort.
Seine Bedeutung lag vor allem in seiner Funktion als Abkürzung. Als die Eisenbahn stärker von Pendlern genutzt wurde, konnten Reisende auf diesem Weg schneller zum Bahnhof gelangen.
9. Puetgasse
Die Puetgasse begann im Bereich der ehemaligen Kreuzung Südstraße/Kaiserstraße und führte bis zur Straße Am Langenberg.
Für die Entstehung des Namens existieren mehrere Erklärungen. Eine Deutung führt ihn auf die Familie Pooten zurück. Eine andere Überlieferung verweist auf die Bardenberger, die sogenannten „Baadeberjer Jeelpuute“.
Besonders interessant ist eine mögliche Verbindung zur Bergbaugeschichte. Für die Herleitung aus historischen Schacht- und Grubenbezeichnungen fehlt jedoch bislang ein eindeutiger Beleg. Diese Erklärung wird deshalb ausdrücklich als Hypothese behandelt.
Die heutige amtliche Benennung ist dagegen eindeutig: Der Name Puetgasse wurde durch Ratsbeschluss vom 25. November 1980 festgelegt.
Auch die Aussprache ist überliefert in zwei Varianten: Puetgasse oder Pütgasse. Gerade solche offenen Fragen gehören zur historischen Dokumentation, solange die Quellenlage keine eindeutige Entscheidung erlaubt.
10. Schwane-Gässchen
Das Schwane-Gässchen führt von der Einsteinstraße in Richtung Südstraße.
An der Südstraße lag die ehemalige Bäckerei Schwan, die dem Gässchen seinen Namen gab. Heute besteht der Weg noch, allerdings als Privatweg.
Besonders wertvoll ist die persönliche Erinnerung: Auf dem Weg konnte man die frischen Backwaren der Bäckerei riechen. Damit wird nicht nur ein Ort, sondern auch eine konkrete Alltagserfahrung bewahrt.
11. Handelsgässchen
Das Handelsgässchen lag zwischen den Häusern Südstraße 163 und 165 und führte zur Kamperstraße, ungefähr bis Hausnummer 12.
Der Name geht auf das Geschäft von Johann Handels, Lebensmittel- und Gemischtwarenhändler an der Südstraße 163, zurück. Der Hinweis auf dieses Gässchen stammt von Peter Kuckelkorn.
Das Beispiel zeigt den Wert persönlicher Hinweise: Ohne die Erinnerung an frühere Geschäftsstandorte würden viele solcher Namen wahrscheinlich aus dem örtlichen Gedächtnis verschwinden.
12. Weitere kleine Wege
Neben den genannten Gässchen gab und gibt es in Kohlscheid zahlreiche weitere Fußverbindungen. Genannt werden unter anderem Wege im Bereich Spidellstraße/Kopernikusstraße in Richtung Im Grüntal sowie Verbindungen im Bereich Südstraße/Herderstraße zur Schützenstraße und Schönfelder Straße.
Nicht alle dieser Wege besaßen einen eigenen Namen. Historisch interessant sind daher auch namenlose Fußwege, Abkürzungen und Verbindungswege, wenn sie für die Bewohner eine erkennbare Funktion besaßen.
Schluss: Wenn kleine Wege Geschichte erzählen
Die Beschäftigung mit den Kohlscheider Gässchen zeigt, dass Ortsgeschichte nicht nur an großen Gebäuden, Denkmälern oder bekannten Persönlichkeiten festgemacht werden kann. Manchmal steckt sie in einem kaum noch erkennbaren Durchgang.
Ein Name wie Bischof-Gässchen erinnert an ein Geschäft. Das Crumbach-Gässchen bewahrt die Erinnerung an eine Bäckerei. Das Schwane-Gässchen führt zurück zum Geruch frischer Backwaren. Die Puetgasse verbindet sich mit Bergbau, Fußball und unterschiedlichen Erklärungen ihres Namens. Das Postwegelchen erzählt von Menschen, die den Bahnhof schneller erreichen wollten. „Entlang der Bretter“ führt mitten hinein in die Welt der Grube Laurweg und ihrer Beschäftigten.
Viele dieser Wege sind heute verschwunden. Manche sind überbaut, andere haben ihren Charakter verändert. Ihre Namen leben teilweise nur noch in Erinnerungen fort.
Gerade deshalb lohnt es sich, sie festzuhalten. Die Untersuchung der Gässchen ist mehr als eine Aufzählung alter Wege. Sie ist ein Versuch, verlorene Strukturen des Ortes sichtbar zu machen und mit den Erinnerungen seiner Bewohner zu verbinden.
Ein kleiner Weg kann der Anfang einer großen historischen Entdeckung sein.